Wie man nicht in der Informationsflut ertrinkt

November 17, 2015 - Daily Challenges, von Anna -

Publizisten wissen es schon lange: Die Macht und der Einfluss der Massenmedien ist immens, weshalb sie auch gerne als vierte Gewalt bezeichnet werden. Ohne Frage erfüllen sie wichtige Funktionen für die demokratische Meinungs- und Willensbildung in unserer Gesellschaft. Dennoch ist in der Informationsflut, die durch das Internet und die sozialen Medien neue Extreme erreicht hat, kaum noch Land zu gewinnen. Der Investor und IT-Unternehmer der ersten Stunden Mitch Kapor bringt es auf den Punkt:

„Getting Information off the internet is like taking a drink from a fire hydrant.“

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Wir alle treiben in einem Ozean von Themen, die für unser Leben mehr oder minder relevant sind. Wer schwimmen kann ist hier klar im Vorteil, denn bei allen Risiken steckt auch ebensoviel Potential in der heutigen Reizüberflutung, welches, in richtige Bahnen gelenkt, schier unendliche Möglichkeiten zur Entwicklung des Einzelnen birgt.


Wir wollen zuviel

Wer noch keine effektiven Schwimmzüge kennt, um seinen Kopf dauerhaft über Wasser zu halten, kann sie lernen. Grundlage dafür ist, zu erkennen, wo das Problem liegt. Das ist leicht beantwortet: Wir wollen zu viel. Ja, genau: Zu viel. Bereits von klein auf sehen wir unsere Eltern und Großeltern die Zeitung lesen oder Nachrichten schauen. In der Schule wird uns pausenlos gesagt, wir müssen über alles, was in der Welt passiert Bescheid wissen, um unserer Pflicht als mündiger Bürger nachzukommen und später Erfolg zu haben. Wir treten also im Glauben, stets über alles und jeden in der Welt Bescheid wissen zu müssen, um ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein, in unser erwachsenes Leben ein.

Die anfängliche Überforderung weicht schon bald Gewohnheit und Resignation. Wir konsumieren Inhalte und Themen ohne groß zu hinterfragen, ob sie auch wirklich relevant für uns sind. Natürlich ist es wichtig, über globale Entwicklungen Bescheid zu wissen, um daraus Ableitungen für das eigene Handeln treffen zu können. So sollten wir zum Beispiel wissen, dass die Weltmeere voll von Plastikmüll sind und demnach auf den Kauf von Plastiktüten verzichten – Alternativen gibt es genug. Doch die meisten Nachrichten, die wir konsumieren sind weder von mittelbarer globaler Bedeutung noch für unser persönliches Leben relevant.


Die News-Diät

Welchen Weg gibt es also, sich der Informationsflut zu entziehen, ohne gleich als Eremit auf einem einsamen Berg zu enden?  Der Schweizer Autor Rolf Dobelli beschreibt in seinem Buch “Die Kunst des klugen Handelns” den “Information Bias” und wie er damit umgeht. Demnach versucht er mit möglichst wenigen Informationen durchs Leben zu kommen – er liest weder Zeitung, noch hört er Radio und er besitzt auch keinen Fernseher. Doch wie informiert man sich, wenn man all diese Quellen ausklammert? Dobelli findet die Antwort auf diese Frage in seinem Netzwerk: Wenn etwas Relevantes in der Welt passiert, sprechen Freunde, Bekannte und Kollegen ohnehin darüber. Auf Basis dieser Basisinformationen, informiert sich Dobelli dann über Hintergrundartikel und Bücher. Grundgedanke dahinter ist:

“Was man nicht wissen muss, bleibt wertlos, selbst wenn man es weiß.”

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So schmerzlich uns diese Tatsache auch aus unserer gelernten Gewohnheit reißt – Fakt ist: Wir können und müssen vor allem nicht alles wissen. Es wird immer wichtige Themen geben, die gänzlich an uns vorbeigehen, ohne, dass wir Notiz davon nehmen. Dass zwei Deutsche in Australien bei einer Haiattacke ums Leben gekommen sind, ist für die Betroffenen zweifelsohne tragisch, hat aber keinen direkten Einfluss auf unser Leben. Nicht über jede einzelne Natur-Katastrophe, politische Neuwahl oder menschliche Tragödie Bescheid zu wissen, macht uns nicht zu schlechteren Menschen. Ganz zu schweigen von Kim Kardashians letztem Workout und den neuen Facebook-Smileys: Dem Fastfood unter den News. Das Gegenteil kann sogar der Fall sein: Unsere Zeit und damit auch unsere Aufmerksamkeit sind begrenzt.


Weniger aber dafür tiefer

Deshalb ist es sinnvoller, sich nur mit den Themen zu beschäftigen, die von unmittelbarer Bedeutung für unser direktes Umfeld sind oder unser Herz bewegen und uns zu Höchstleistungen antreiben. Erstere fallen ganz grob gesagt unter die Erfüllung unserer bürgerlichen Pflichten: Ein politischer Skandal, eine Wirtschaftskrise oder die Flüchtlingsdebatte fordern mitunter auch uns persönlich ab, Stellung zu beziehen um das demokratische Gleichgewicht in unserer Gesellschaft zu bewahren. Soviel zur Pflicht.

Die Kür besteht darin, sich den Themen zu widmen, die uns täglich antreiben, zu denen wir uns hingezogen fühlen, über die wir immer wieder mit Freunden sprechen, weil sie uns so wichtig sind. Unsere ungeteilte Aufmerksamkeit einigen wenigen Themen zu widmen, die uns wirklich wichtig sind, ist unterm Strich wesentlich effektiver, als überall an der Oberfläche zu kratzen aber mangels Zeit nirgends richtig aktiv zu werden.

Gute Gründe für eine “News-Diät” findet Ihr in dem wirklich spannenden Hintergrundartikel von Rolf Dobelli. Zum Beispiel warum ein zu hoher Konsum von Nachrichten auch aus neurologischer Sicht bedenklich ist und damit eher das Gegenteil von Erfolg und Wachstum bedeuten kann.

Auch Dobellis Kollege Nassim Taleb, Autor des Bestsellers “Der schwarze Schwan” steht den Massenmedien und deren Berichterstattung äußerst kritisch gegenüber und verpackt dies in “Kleines Handbuch für den Umgang mit Unwissen” in pointierte Aphorismen, die zum (Um-)Denken anregen.

Wie informiert Ihr Euch? Schon mal eine “News-Diät” versucht? 

Anna ist diplomierte Kommunikationswissenschaftlerin, freie Autorin und Lektorin. Das Herz der Überzeugungstäterin schlägt insbesondere für alternative Gesellschaftsformen und Lebensmodelle. Ihre Elemente: Kommunikation in allen Formen, kreative Denkprozesse und Lösungen, praktikabler Optimismus und reflektierte Perspektivwechsel.

3 Kommentare
  • weserlage@gmail.com'
    KlausAntworten

    Hello again,

    das Problem könnte sein, dass sich viele Menschen zu nichts hingezogen fühlen und auch nicht mit Freunden diskutieren. Sie stellen das Gegenteil zur Annahme dar, das wir zuviel wollen. Es sei denn, des geht um das nächste Spaß-Event. Zusammengefasst: Die Pommes- & Diskofraktion übernimmt keine Verantwortung - weder für ihr ihr aktives Tun noch für ihr Unterlassen. Da diese Menschen die Mehrheit ausmachen, ist der Wunsch nach reflektierter Partizipation der Vielen an demorkratisch Möglichkeiten schön, aber naiv. Eine News-Diät setzt ein Mindestmaß an Befähigung zur Teilhabe an werteorientierten Vorstellungen voraus. Nur gut zu wissen, das die, die es angeht, sich sowieso nicht mit komplexen Themen beschäftigen. So, ich geh mir jetzt was kaufen!

    Der Prophet

    Dezember 15, 2015
  • weserlange@gmail.com'
    KlausAntworten

    Liebste Schreiberin,

    wer sagt eigentlich, dass die Qualität des menschlichen Daseins davon abhängt, wie sehr individuellen Fähigkeiten zur Reduktion von Informationen ausgeprägt ist? Diesem Gedanken liegt die Annahme zugrunde, erstrebenswerter Fortschritt könne sich nur über Reflektion und Erkenntnisgewinn durch Konzentration auf das Wesentliche vollziehen. Was aber, wenn permanente Überforderung der Schlüssel für die Evolution der Menschheit ist und das Internet den Toröffner zu einer neuen Art der kollektiven Problembewältigung darstellt?
    Nach Professor Peter Kruse ist systematische Überforderung ein Merkmal für dynamische Gestaltungsfreiräume innerhalb kommender, auf Partizipation beruhender, Demokratien.

    In diesem Sinne: Aus Hydranten läßt sich noch viel zu wenig Information generieren - das Internet ist die Lösung und nicht das Problem!

    Grüße

    der Prophet

    Dezember 13, 2015
    • Anna PriskaAntworten

      Lieber Klaus,

      vielen Dank für Deinen interessanten Denkanstoß. Gerade bei solch komplexen Themen wie diesem gibt es ja immer mehrere Möglichkeiten, sich dem Gegenstand der Diskussion zu nähern. Dein Ansatz ist dabei sehr spannend und steht nicht unbedingt im Widerspruch zu unserem. Wie auch im Artikel erwähnt, birgt die unglaubliche Menge an Informationen, die uns heute zur Verfügung stehen auch unzählige Entwicklungsmöglichkeiten. Ein Kommunikationskanal wie das Internet ist niemals per se ein Problem - auf die Nutzung kommt es an. In diesem Sinne wünschen wir viel Spaß am Hydranten und freuen uns, auch bei weiteren Themen auf Dein konstruktives Feedback.

      Viele Grüße
      Anna

      Dezember 14, 2015

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